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Dorf-Büros: Coworking Spaces in Rheinland-Pfalz

Corona und Coworking Space: Tobias Kollewe im Gespräch

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor knapp einem Jahr hat sich die Arbeitswelt rasant verändert. Digitales und flexibles Arbeiten, Home Office und Remote Work: All diese Begriffe sind in unserem alltäglichen Sprachgebrauch angekommen. Oftmals fehlen im heimischen Büro jedoch die nötige Ruhe und die benötigte Infrastruktur für konzentriertes und professionelles Arbeiten. Genau hier setzen Coworking Spaces an, gleichzeitig raten die Experten jedoch, soziale Kontakte zu meiden und nach Möglichkeit im eigenen Home Office zu arbeiten. Welchen Einfluss hat Corona also auf Coworking Spaces? Und gibt es Besonderheiten für die Dorf-Büros im ländlichen Raum? Wie kann Infektionsschutz in Coworking Spaces funktionieren?  

Wir haben Tobias Kollewe, CEO der cowork AG und Präsident des Bundesverband Coworking Spaces (BVCS) zu diesen Themen befragt.  

Tobias, kann man in Pandemiezeiten guten Gewissens einen Coworking-Space aufsuchen, wenn doch Kontakte einschränken das Gebot der Stunde ist?  

Ja, kann man! Coworking Spaces setzen schon seit dem ersten Lockdown konsequent notwendige Hygiene-Konzepte um. Dazu zählen zum Beispiel die Verpflichtung zum Tragen von Mund-Nasen-Schutz, Abstandsregelungen, häufigere Reinigungszyklen. Gerade in den vergangenen Wochen ist es in den Coworking Spaces landauf, landab ruhiger geworden. Abstände einzuhalten sollte in den meisten Fällen kein Problem sein. Auch wenn man natürlich deutlich sagen muss: Jeder Kontakt ist einer zu viel.  
Auf der anderen Seite wirken Coworking Spaces häufig auch der Vereinsamung im Home Office entgehen. Auch hier hat die Medaille wieder mal zwei Seiten.  

Wie hat die Corona-Pandemie die Coworking-Branche verändert und wie nachhaltig sind diese Effekte? 

Zum einen hat die Branche natürlich erhebliche Einschnitte erlebt. Das Geschäft mit Meeting-Räumen und Events ist im vergangenen Jahr dramatisch zusammengebrochen. Das kann man gar nicht anders sagen. Hier rechne ich aber mit einer deutlichen Erholung nach Ende des Lockdowns.  

Was die Arbeitsplatznutzung anbelangt erlebt Coworking meiner Einschätzung nach aber gerade einen richtigen Boom. Die Anzahl der Spaces ist in den letzten Jahren schon sehr deutlich angewachsen. Überall hören wir punktuell von einer verstärkten Nachfrage, insbesondere von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Alternative zum Büroarbeitsplatz und Home Office anbieten wollen. Wir selbst haben das Jahr 2020 mit einem deutlichen Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr abgeschlossen – trotz Corona.  

 
Ich sehe sehr positiv in die Zukunft. Zwar gibt es vereinzelt auch Insolvenzfälle in der Branche. So musste kürzlich erst ein Regus-Standort die Segel streichen. Wir erleben aber eine deutliche Nachfragesteigerung auf Nutzerseite. Ich glaube, wir stehen hier wirklich an einem Scheidepunkt: Nach der Pandemie wird das Thema Coworking nochmal neu definiert werden: professioneller, digitaler und mehr auf Nutzerbedürfnisse zugeschnitten. 

Wie können regional ansässige Unternehmen in Pandemie-Zeiten von den Coworking Spaces profitieren?  

Im Wesentlichen müssen sich Unternehmen doch nur die Frage stellen: welche positiven Effekte hat die Arbeit im Coworking Space für meine Mitarbeiter. Und da ist man dann ganz schnell bei Themen wie Kostenersparnis, Mitarbeiterzufriedenheit, Einschränkung von Pendelbewegungen etc. Diese Effekte sind nachweisbar und genauso wenig von der Hand zu weisen, wie die Kostenersparnis für Unternehmen.  

Einen der spannendsten Effekte finde ich „Zeit für Ehrenamt“. Wenn ich nicht jeden Tag eine oder zwei Stunden zur Arbeit pendeln muss, weil ich im Coworking Space im Nachbarort arbeiten kann, dann bleiben auf einmal fünf oder zehn Stunden Freizeit pro Woche übrig. Das kann schon stark dazu beitragen, dass freiwillige Feuerwehren oder Dorfvereine wieder mehr Zulauf bekommen. 

Die Vorteile sind so vielfältig; das lässt sich schwer in ein paar Sätze packen. Ich denke, in unserer Infografik ist das für alle Zielgruppen ganz gut dargestellt. 

Welche Besonderheiten siehst du bei Coworking Spaces im Ländlichen Raum?  

Gerade die Zielgruppe der Enterprise-Nutzer, also der Nutzer, die nicht als Einzelkämpfer unterwegs sind, haben häufig sehr hohe Ansprüche an Service Design, Ausstattung und Infrastruktur. Auch ist die Nachfrage nach Team Offices im letzten Jahr nochmal deutlich gestiegen. Es ist wenigen damit geholfen, einfach nur einen Arbeitsraum auf dem Bauernhof einzurichten und anzubieten. Wir haben das Thema „Coworking“ in 521 Einzelbausteine zerlegt. Ohne die jetzt alle zu benennen: Diese Zahl zeigt doch deutlich, wie umfangreich das Thema ist und dass man an unglaublich viele Dinge denken muss. 

Da gibt es aber – wie zum Beispiel mit dem Projekt Dorf-Büro – ganz tolle Unterstützungsangebote. Und die halte ich aus der Erfahrung der vergangenen drei Jahre in dem Projekt für dringend notwendig. Ein einfacher Leitfaden reicht da sicherlich nicht aus, um Coworking Spaces gerade im ländlichen Raum wirtschaftlich erfolgreich zu machen und damit über einen längeren Zeitraum zu verstetigen. 

Welche Tipps gibst Du Betreibern von Coworking Spaces, damit sie gut durch diese Krise kommen können?  

Aktuell sehe ich „Sichtbarkeit“ als einen der wichtigsten Punkte auf dem ToDo-Zettel. „Coworking“ ist gerade im ländlichen Raum immer noch ein erklärungsbedürftiger Begriff. Da muss noch viel Übersetzungsarbeit geleistet werden. Vor allem müssen wir von der Vorstellung wegkommen, dass im Space Hacker und Nerds in schlecht beleuchteten Räumen wie die Hühner auf der Stange bei Club Mate und Pizza nebeneinander sitzen und ein Startup nach dem anderen hochziehen.  

Ungeachtet der Tatsache, dass Coworking ein Mindset sein kann und ein institutionalisiertes Netzwerk innerhalb und außerhalb der Spaces zum Erfolg beiträgt: Coworking ist auch ein Teil der Gewerbeimmobilienbranche. Und da „kämpfen“ Space-Betreiber gegen klassische Büroimmobilienangebote an.  

Die große Aufgabe besteht darin, den zukünftigen Kunden den Mehrwert zu verdeutlichen und klar zu machen, dass es wichtigere Faktoren gibt, als den reinen Quadratmeterpreis. Und das kann, muss man in vielen Gesprächen, insbesondere auch Einzelgesprächen tun.